Empfinden Fische Schmerz?

Ein wichtiger Artikel aus dem GreenpeaceMagazin 2.02 von James Hamilton-Paterson, der nicht nur auf Bestandszahlen und Fakten, sondern auch auf ethische Belange zum Thema Fischerei eingeht!
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Als ich kürzlich auf einem schottischen Trawler mitfahren durfte, wurde ich erneut an eine Frage erinnert, die mir immer wieder zu schaffen macht, seit ich vor 20 Jahren in Südostasien gelernt habe, mir durch Speerfischerei Nahrung zu beschaffen. Die Frage lautet: Empfinden Fische Schmerz?

Eine Londoner Freundin war entsetzt von Fotos, die ich auf dem Schiff gemacht hatte und die zeigten, wie sich Dekompression auf Tiefseefische auswirkt: Ihre Augen traten aus den Höhlen, die Schwimmblasen quollen ihnen aus den Mäulern. Die Bilder aus dem Fischladeraum zeigten Tonnen von Leibern: Manche waren knapp am Leben, andere vom Hochgerissenwerden aus einem Kilometer Tiefe vollkommen verstümmelt und zerfetzt. Ich erzählte von dem 1,5 Meter langen portugiesischen Dornhai, den ich für tot gehalten hatte, und der plötzlich erzitterte und sechs Junge mit leuchtenden Augen gebar. Sie zuckten und wanden sich jämmerlich durch den Kadaverberg, bis sie darin verschwanden. Beim letzten Mal, da auf dieser Fahrt das Netz eingeholt wurde, plumpste ein dunkelbrauner Leib von der Größe einer Rundschwanzseekuh in den Laderaum. Niemand an Bord konnte das immer noch zappelnde Ungeheuer identifizieren. Mittlerweile bin ich mir ziemlich sicher, dass es sich bei dem drei Meter langen Fisch mit fünf Kiemen und dorniger Haut um einen Grönlandhai handelte. Ein Tau wurde um seinen Schwanz gelegt, doch als der Kran ihn hochziehen sollte, riss durch das Gewicht des Tiers der ganze Schwanz ab. Mit einiger Mühe wuchtete man den Kadaver schließlich auf das Deck, wo ein Besatzungsmitglied für einen Schnappschuss darauf herumritt, dann wurde er über Bord gekippt. Ich hütete mich, meine Scham darüber zu äußern, dass dieses großartige Tier so sinnlos umgebracht worden war: Es war nichts als ein Unfallopfer auf der Autobahn der europäischen Fischereiindustrie.

Wie in einem Schlachthof hat auch auf einem Trawler Mitleid keinen Platz. Dies ist eine Welt, deren Angehörige einen harten und gefährlichen Beruf ausüben und jegliches Mitgefühl abschalten, um frisch getötete oder sterbende Wesen in Waren zu verwandeln. Dabei denkt kaum jemand an die Essbarkeit der Produkte, sondern nur an deren Volumen und Marktwert. Erst später, wenn die Gefühle nicht mehr unterdrückt werden müssen, lässt man Erinnerungen zu: Wunderschön geformte Wesen werden so brutal aus ihrem natürlichen Lebensraum gerissen, dass Köpfe und andere Körperteile durch die Netzmaschen gequetscht werden; blasse Krabben kriechen benommen über das Deck, bis sie achtlos von einem Gummistiefel zertreten werden; kleine Haie, wie der Dornhai, den ich gebären sah, werden aufgeschlitzt, ausgenommen und auf einen Haufen geworfen, wo sie noch bis zu einer Minute lang mit den Schwänzen peitschen und mich mit leuchtenden Augen zu fixieren scheinen.

Lebewesen so massenhaft abzuschlachten und in Produkte zu verwandeln ist barbarisch. Dabei will man die wahre Herkunft einer Schachtel tiefgefrorener Fischfilets oder Chicken Nuggets ganz bewusst vergessen machen. Die ausgebluteten, eisigen Klumpen haben beruhigend wenig Ähnlichkeit mit lebenden, atmenden Wesen, die gezielt getötet werden. Bei Warmblütern versucht man mehr oder weniger wirkungsvoll, sie relativ schmerzlos zu töten, wobei größere Säugetiere wie Kühe dafür Riesendosen Beruhigungsmittel verpasst bekommen (nicht so sehr aus Mitleid, sondern damit das vor Panik ausgeschüttete Adrenalin nicht das Fleisch verdirbt). Sie benommen den Elektroden, Bolzenschussgeräten und Messern entgegenschlurfen zu sehen, ist etwas, das man nicht vergisst. Doch was die Fische betrifft, habe ich mich in die unbewiesene Behauptung zu flüchten versucht, als Kaltblüter hätten sie kein Schmerzempfinden. Respektive, falls sie doch etwas empfänden, dann nicht als Schmerzen (wie wir), sondern als bloße Reize wie Licht oder Druck.

Dieser Tage bin ich mir keineswegs mehr so sicher. Was Fische nun tatsächlich fühlen, werden wir wohl nie genau nachvollziehen können. Aber wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass sich ihre körperlichen Reaktionen bei Stress von den unseren kaum unterscheiden: Ganz wie beim Menschen schießen Puls und Blutdruck in die Höhe, steigt der pH-Wert des Blutes und verändert sich der Stoffwechsel. Fische sind hervorragend ausgestattet mit allerlei Wahrnehmungsapparaten, deren Reichweite und Empfindlichkeit die des menschlichen oft weit übertrifft. Auch wenn ihnen die für ein Mienenspiel nötige Gesichtsmuskulatur fehlt, können sie dennoch vermitteln, dass sie in Not sind, zuweilen überaus deutlich. Ich habe es vor vielen Jahren aufgegeben, eine bestimmte tropische Fischart mit dem Speer zu jagen, denn jedes Mal, wenn ich einen solchen Fisch aufspießte, stieß er ein gellendes "Ooo! Ooo! Ooo!" hervor. Ich konnte nicht umhin, verzweifelte Todesschreie zu hören, auch wenn die Wissenschaft von einer automatischen Reaktion zur Warnung von Artgenossen sprechen würde. Ich wünschte, ich wäre so gleichmütig. Schließlich ließe sich auch Ähnliches über menschliche Schreie sagen.

Der Autor James Hamilton-Paterson ist Schriftsteller und Mitglied der Royal Geographical Society. Der Brite lebt in der Toskana und beschäftigt sich seit Jahren mit dem Meer. Sein bekanntestes Werk heißt "Seestücke" und ist als Taschenbuch erhältlich (btb Verlag, 1998 284 Seiten, 8,50 Euro).

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